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Sonntagmorgen

könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, als es nur 1 Fernsehprogramm gab ?
Damals noch in schwarz/weiß – und der Fernseher  war wirklich noch ein grosser „Kasten“ in „Holzoptik“ , der oft auch von einem Zierdeckchen und einer kleinen Vase gekrönt war?
Bei meiner Oma war es übrigens eine Venezianische Gondel, obwohl sie meines Wissens nach nie in Venedig gewesen ist…  die wurde auch beleuchtet – die Gondel, nicht die Oma – denn angeblich war das „gut für die Augen“ 😉

Damals gab es jedenfalls am Sonntag Vormittag – Punkt 12-  immer Werner Höfer´s Frühschoppen. Untertitel : 6 Journalisten aus 5 Ländern.

intfrueh

Diese Sendung war einfach ein *muss* am Sonntag.
Mehr oder weniger kluge Köpfe redeten und stritten sich über aktuelle Themen der Weltpolitik.
Und gebechert wurde dabei.. ihr glaubt es nicht !

Ständig kam eine junge Frau in schwarzem Kleid mit weissem Servierschürzchen irgendwo aus den Kulissen und schenkte Wein in die Gläser der Journalisten. Leer wurden die Gläser nie, dafür haben die Frauen gesorgt … und ausserdem gab es noch eine Unmöglichkeit aus heutiger
Sicht : es wurde gequalmt was die Lungen hergaben ! Nicht nur Zigaretten, nein auch Pfeife ( wirkte immer so intellektuell ! ) und Zigarren. Manchmal waren die Damen und Herren kaum noch zu erkennen.

Ja, eine Journalistin war manchmal auch dabei… mitreden durfte sie meistens nicht. Politik war Männersache, als der „Internationale Frühschoppen“ 1953 zum ersten Mal auf Sendung ging und für Millionen Zuschauer zum Sonntagsritual wurde zwischen Kirchgang und Mittagessen.

Und auch wenn sie von Höfer mit Handkuss begrüßt wurde, durfte sie meistens nicht viel sagen und wurde bei Zwischenbemerkungen von einem süffisant grinsenden Höfer abgebügelt..
Der Wiederum hatte gegen Ende der Sendung ab und an „Wortfindungsschwierigkeiten“ – will sagen: er lallte so ab und an.. 😉

Diese Sendung wurde bei uns jeden Sonntag in ehrfürchtigem Schweigen *genossen* .
In meiner Erinnerung ist damit auch untrennbar der Geruch aus der Küche nach Sonntagsessen verbunden, denn meine Mutter pendelte immer zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her.. ob sie dabei auch ein so genanntes Cocktailschürzchen trug  entzieht sich meiner Erinnerung..*g*
Mein Vater trank auch seinen Wein und paffte mit den Diskussionsteilnehmern um die Wette..

Falls sich nun jemand fragt, wann das Ganze stattfand, es war nicht vor dem Krieg!
Nein, es war bei uns Zuhause in den 60igern und ging so bis in die 70iger. Nach der 1874. Sendung wurde der „Internationale Frühschoppen“ im Ersten durch den „Presseclub“ ersetzt… ohne Qualm – und ob es noch Wein gibt, ich weiß es nicht – wird eben alles politisch korrekter – äh, steriler?

Euch allen einen schönen Sonntag – mit oder ohne Wein, Qualmerei und Presseclub!

 

4 Kommentare

  1. Ich muss noch einen nach legen. Seit ich Deinen Post gelesen habe zermartere ich mein Hirn, wie der amerikanische Journalist hieß, den meine Eltern immer so gerne im Frühschoppen gesehen haben. Alle Recherche brachte nichts. Ich könnte ihn malen, so genau seh‘ ich ihn vor mir. Schiete!

  2. Dieses Ritual war bei uns identisch. Vati saß in seinem „Fernsehsessel“ mit Fusshocker, paffte seine Zigarre und nückelte am Weissweinchen, Mutti steppte zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her (mit Schürzchen) und berichtete vom Fortschritt des Sonntagsmahles. Elke lag auf dem Fussboden vor Vatis Fusshocker und bespielte ihren Legostadtplan. Neee, wat war dat schööön. LG – ohne Rouladen- oder Schmorbratenduft

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