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Sonntagsgedanken

ich war 17 Jahre alt..
Studenten und Schüler revoltierten in den europäischen Grosstädten und wir waren die heute noch viel zitierten „68iger“.
Wir sassen stundenlang in dunklen Kneipen an alten Holztischen und redeten uns die Köpfe heiss über die Ungerechtigkeiten der Welt und die Revolution im Allgemeinen. Wir trugen unseren „Weltschmerz“ vor uns her wie eine Fahne!

Ich trug immer schwarze Klamotten – hautenge schwarze Hosen an langen Storchenbeinen – schlabberige schwarze Pullover – einen bodenlangen schwarzen Mantel und 3 Meter lange Schals… die Farbe dürft ihr jetzt raten! 😉
nicht zu vergessen schwarze Stiefeletten mit Gummizugeinsatz am Knöchel – die Hacken schräg abgelaufen und dazu die riesige Umhängetasche im leicht angegammelten Beutel-look.
wir waren die „exis“ ….

die meisten Mädchen trugen die Haare lang und glatt, den Pony bis über die Augen… und das Gesicht meistens „verhangen“.
ich hatte sie streichholzkurz wie heute und färbte das blond um in dunkelbraun…
die hellblauen Augen mit wahrem „Trauerflor“ umrandet, natürlich mit tiefschwarzen Lidstrichen und verziert mit dichten künstlichen Wimpern wie Hildegard Knef.

die Lippen – man möge es uns verzeihen – wurde mit Penatencreme schön hell „eingefärbt“ und die Sonne wurde unbedingt gemieden – blass war chic und unverzichtbar – die bohnenstange Twiggy machte es vor…

mikaich rauchte nur Gauloises Caporal und trank meinen Milchkaffee grundsätzlich aus cafe au lait –  Schalen…. mache ich übrigens heute noch – das Trinken von Milchkaffee aus diesen Schalen, nicht das Gauloises rauchen…

man las Sartre, Camus, Sagan und manchmal auch Jack Kerouac und die Mao Bibel…
ich liebte die Lieder von Brel, der Piaf und George Brassens
und neben dem Poster vom  Arc de Triomphe (in Zimmerhöhe!) klebte das Che Guevara Poster neben Humphrey Bogart in Lebensgrösse an der Wand meines Zimmers – sehr zum Entsetzen meiner Eltern – und:  ich wollte unbedingt nach Paris!
auch sehr zum Entsetzen meiner Eltern, denn dort „tobten“ ja die schlimmsten Studentenrevolten!
Paris kam aus diesem Grunde nicht in Frage – zum Ausgleich gabs die bürgerliche Schweiz – und ich wurde nach Genf geschickt…
wenigstens ein bisschen französisches flair wurde dem „missratenen“ Kind gegönnt – natürlich nicht ahnend, das solche Töchter auch dort etwas anstellen können, und die geschenkte Freiheit bis zum Excess ausnutzen!
Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…

Lang ist das alles her, die Beine sind nicht mehr vom Storch, die Haare sind wieder blond und das francophile ist der Liebe zu Irland gewichen …
aber vieles ist aus dieser Zeit geblieben: ich trage immer noch gerne schwarz und jeans und „die Piaf“ höre ich heute auch noch sehr gern – und irgendwie passt dieses Lied ja heute auch viel besser als damals mit 17 !

http://www.youtube.com/watch?v=fFtGfyruroU

nun ist das schon wieder ein ziemlicher Roman geworden….
wie sagte doch neulich eine Freundin: du bist kein blogger, du bist eine Geschichtenerzählerin!

ich hoffe, ihr verzeiht – und habt einen schönen Sonntag!
eure

anne

 

9 Kommentare

  1. Ingrid

    Nach langer Zeit hab ich dich wieder gefunden.
    Ich bin überrascht, wie sehr du dich verändert hast und gratuliere dir, vor allem zu deiner Gewichtsabnahme. Alle Achtung! Ich würde auch gerne mehr abnehmen, schaffe es aber nicht 🙁
    Ich habe Frankreich auch immer geliebt und war sieben Jahre in Paris. Ich liebte dieselben Schriftsteller und Sängerinnen und Sänger, die ihr hier angeführt habt und das weckt wieder so viele Erinnerung an die schönsten Jahre meines Lebens… lang, lang ist’s her…
    Nun werde ich nach und nach alles lesen, was du in der Zwischenzeit geschrieben hast und komme bald wieder.
    Ich wünsche dir alles Gute weiterhin,
    Ingrid

  2. So’n Che hatte ich natürlich auch an der Wand. Aber auch Virginia Wolf. Und ja, diese Penatenlippen natürlich. Aber in Schwarz war ich nicht. Dafür mit einem Indianerstirnband in den Wallehaaren, das mir damals den Spitznamen „Bändchen“ eingebracht hatte.
    Grüßle
    Ursel

  3. Woher kennst Du Auszüge aus „meiner Geschichte“? Also etwa 80% sind deckungsgleich. Bei mir waren’s dann die Gitanes, und statt schwarz waren meine Klamotten nahezu komplett dunkelbraun. Bodenlanger, wallender Strickmantel mit Kapuze, darunter farblich passende Hotpants in Kombination mit sehr langen, sehr engen braunen Stiefeln. Riesige dunkelbraune Samtumhängetasche an einer dicken silbernen Kette und eine wallende blonde Mähne bis fast zur Taille. Chic bis zum Umfallen… Ich wurde sogar zum Personalchef vom WDR zitiert, der das Outfit „absegnen“ musste. Hat geklappt

  4. Das könnte so auch meine Geschichte sein. Ich trug auch nur schwarz, las Sartre, Camus, Sagan und hörte auch Brel, Greco, Piaf und Brassent. Allerdings war eine meiner Lieblingssängerinnen damals auch Francoise Hardy. Das alles ist auch bei mir gebliegen. Ich lese alle noch gerne und höre auch die Musik von damals noch immer mal zwischendurch. Später kam dann allerdings bei mir noch die Frauenbewegung dazu und dass ich mir die Peking Rundschau als kostenloses Abo bestellte. Das brachte dann den Verfassungsschutz auf den Plan:-), obwohl wir doch noch relativ harmlos waren. Straßenschlachten habe ich allerdings nie mitgemacht, aber die Unidemos, die waren eine Zeitlang an der Tagesordnung. Und wenn man heute so daran zurückdenkt, war es eine aufregende und spannende Zeit. Ich denke mal, wir haben alles mitgenommen und ich habe keine Sekunde bereut. Dagegen komme ich mir heute schon manchmal sehr spießig vor, aber auch dagegen kämpfe ich dann doch ab und an wieder an. Die kleine Revoluzzerin ist in mir geblieben:-).

    liebe Grüße
    Brigitte die Weserkrabbe

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